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Sep 21, 2014

50 out of 1000 (2/76): Yang Lian, guest in 1991

Yang Lian, Foto: privat

Yang Lian hielt sich gerade in Auckland, Neuseeland, auf, als am 4. Juni 1989 die „Feuerschüsse von Beijing“ der chinesischen Demokratiebewegung ein brutales Ende setzten. Für ihn und seine Frau YoYo begann damit ein nun bald 25 Jahre währendes Leben im Exil. Seine Zeit als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 1991 in der Charlottenburger Mommsenstraße bedeutete für beide einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben, hier machten sie sich das „Schreiben auf Berliner Art“ zu eigen. Unter dem Titel „Masken und Krokodile“ veröffentlichten das Berliner Künstlerprogramm des DAAD und das Literarische Colloquium Berlin in ihrer gemeinsamen „Text und Porträt“-Reihe Yang Lians Berliner Gedichte (1994). 

Der Sinologe und Schriftsteller Wolfgang Kubin schreibt über ihn im Nachwort des Buchs: „Wie kaum ein anderer chinesischer Dichter der Gegenwart betont Yang Lian die Wichtigkeit der Sprache. Schreiben ist für ihn gleichsam die Arbeit an der Sprache und ein Nachdenken über die Möglichkeit von Sprache.“ 

Yang Lian auf dem Poetry International Festival, Rotterdam, Juni 2013 (© Beeldrecensies für das Poetry International, 2013) 

Yang Lian gilt als einer der einflussreichsten und interessantesten Dichter in China. Sein zuerst 1999 in Shanghai veröffentlichtes Langgedicht „Konzentrische Kreise“ wird schon heute mit den bedeutendsten Lyrik-Zyklen der europäischen Moderne verglichen. Äußerlich ist das Gedicht in einer strengen geometrischen Form aufgebaut: fünf Kapitel zu jeweils drei Sequenzen, die Zeile für Zeile ein größeres Mosaik ergeben. Erkundet wird nichts Geringeres als die „wahre Wirklichkeit“, wie sie sich im Medium der Sprache ausdrücken lässt. 

Die Bande zwischen Yang Lian und der Stadt Berlin sind eng geblieben, so eng, das er 2012 sogar von London nach Berlin-Tiergarten zog.

Sep 17, 2014

50 out of 1000 (2/72): Mariana Castillo Deball, guest in 2011

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Mariana Castillo Deball: “The noticed one, confusing itself with the many” 2011 (series of 4 photographic prints), courtesy of the artist and Wien/Lukatsch

It begins with a story. A time before now and, in the end, the difficult and impossible access to it. It begins with the work of Mariana Castillo Deball, with that what once was and still continues to be what it is: about memory and archaeology, about museums and exhibitions, about archaeological finds and their displays, in brief: about the modus of approach, the mechanism of positioning of the production of knowledge, with which the present is constituted by the past.

For her large-scale project “Estas ruinas que vex  (2005), consisting of an audio guide, the accompanying publication, and an exhibition in the Museo dell Arte Carillo Gil in Mexico City, Deball engaged less with the Meso-American archaeological finds, which seemed to be the center of focus in the beginning, but more with the politics of their classification and presentation. By appropriating the modus operandi of the museums and its vehicle of communication, Deball’s meta-exhibition tells a story by means of didactic materials pulled out of the archives, their old casts and models of statues and found photos and texts, less about what is shown than about how it is displayed. What becomes visible, as Jesse Lerner describes it in the introductory essay to Deball’s project is “the negative space that surrounds the exhibited objects,” a space ideologically charged, in which the past becomes a blind spot and projection screen for the present.

ARQUEOLÓGICA MATADERO / MARIANA CASTILLO DEBALL from EMOCIONES PRODUCE

What was realized in this project on a large scale, functions in the smaller works as well, like in the silhouette “The stronger the light your shadow cuts deeper” (2010) focused on the goddess figure of Coyolxauhqui, representing the moon in Aztec mythology. Deball starts off with a found sculpture of this figure, found in 1978 during road construction, and translates it into a filigree and loosely wall-hung silhouette. The sculpture literally loses its sculptural solidness and becomes an empty and fillable form. Material that, once in the hands of interpretation, can be appropriated, distorted, and bent.

Again and again, Deball puts the “found” material back into itself and implements techniques in a self-referential loop. She employs typical artistic methods such as site-specific practices and institutional critique combined with approaches to archaeology, literature, and science. In such a constituted field of tension, she is not only able to make statements on a structural level about the production of knowledge, but also to meet an unknowable past through a transparency. Moreover, she sketches out the birth of history from the Geist of the past.

Mariana Castillo Deball - Something like the memory of a monument becoming heavier because it’s a memory, Serpentine Galleries 

Beginning in September 2014, Mariana Castillo Deball (*1975 in Mexico City) – who was awarded the “Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst” (National Gallery Prize for Young Art) in 2013 – will show a project especially developed for her solo exhibition in the historic hall at Hamburger Bahnhof.

Sep 16, 2014

50 out of 1000 (2/75): John Burnside, guest in 2014

Portrait John Burnside, Regie: Uli Aumüller © Berliner Künstlerprogramm des DAAD 2014

In seiner Heimat gilt der 1955 geborene Schotte John Burnside schon lange als einer der bedeutendsten Lyriker und Erzähler. Burnside, der an der University of St. Andrews Kreatives Schreiben lehrt, hat sich als Lyriker zuerst einen Namen gemacht. 2011 erhielt er für seinen Gedichtband „Black Cat Bone“ sowohl den renommierten T.S. Eliot-Preis als auch den Forward-Preis. Dass sein Werk dem deutschen Publikum dagegen erst mit deutlicher Verzögerung zugänglich wurde, mag nicht zuletzt an der perfiden Mischung vor allem seiner Romane liegen, die sich einer eindeutigen Zuordnung bewusst entziehen: Einerseits bestechen sie durch eine berauschend schöne Sprache, denn noch als Prosaautor ist Burnside vor allem Dichter. Jeder seiner Sätze, jedes seiner Bilder verstrahlt eine andere, ganz eigene Note; nie dienen sie als Motor der Handlung, stets besitzen sie ein ganz eigenes Gewicht. Andererseits beunruhigen seine Romane, da Burnside menschlichen Urerlebnissen beklemmend nah zu Leibe rückt: Tod und Gewalt; seelische und körperliche Exzesse; Ängste und Obsessionen geben sich bei ihm ein ungeschöntes Stelldichein.

Schon sein Prosadebüt „The Dumb House“, 1997 erschienen, löste Unbehagen aus. Darin unterzieht ein Psychopath, der auf der Suche ist nach dem Sitz der Seele, seine Kinder grausamen Experimenten. Doch Burnside – der erst in dem Moment zur Prosa fand, als er nach langen Wanderjahren in England und den Vereinigten Staaten wieder in seine schottische Heimat County Fife zurückkehrte und dort Wurzeln schlug – verherrlicht keineswegs das Böse, noch setzt er es rein der Effekte wegen ein. Nein, Burnside ist vielmehr ein zärtlicher Moralist, der mit fein gewetztem Seziermesser die Abgründe der Seele erkundet – weil er weiß, dass die sichtbare Ordnung der Dinge, das scheinbar geregelte Gefüge der Welt nichts ist als eine trügerische Illusion. In Die Spur des Teufels“ (dt. 2008) etwa wird ein Jugendlicher unschuldig schuldig am Tod eines Schulkameraden, der sein grausamer Peiniger war. Jahrzehnte später muss er sich seiner lang verschwiegenen Mitschuld stellen, als er einem jungen Mädchen begegnet, das seine Tochter sein könnte – gezeugt womöglich mit der Schwester des Toten, die er einst willentlich verführt hatte. Wissend, dass die Welt im Hier und Jetzt Risse aufzeigt, gestaltet sich diese bei Burnside stets als eine durchlässige: Geister gehen darin um; seine Figuren heißen anspielungsreich Moira (gr. Schicksal) oder Maja (der Schleier der Wahrheit); Menschen verschwinden sang- und klanglos; die Vergangenheit holt seine Figuren ein wie „die Spur des Teufels“; vermeintliche Wahrheiten erweisen sich als Lügen.

Lügen über meinen Vater“ (dt. 2011) hat Burnside im deutschen Sprachraum endgültig bekannt gemacht – es ist die schonungslose und schonungslos persönliche Aufarbeitung seiner eigenen zerrütteten Vater-Beziehung. Dieser Vater war ein Säufer, Spieler und Gewalttäter. Vor allem aber erwies sich dieser Vater als ein notorischer Lügner – er musste vergessen, dass er ein Findelkind und also ein Niemand war. Erst spät realisiert der Sohn, dass die Drogenexzesse, in die er selbst sich flüchtet, um dem väterlichen Radius zu entkommen, der gleichen zerstörerischen „via negativa“ folgen, die auch der verhasste Vater für sich wählte. „Lügen über meinen Vater“ (und der würdige Nachfolger „Waking up in Toytown“) ist vielleicht so etwas wie eine Schlüssellektüre, will man die menschlichen und psychologischen Triebkräfte dieses so radikalen wie humanistischen Schriftstellers verstehen. Schaut man genauer hin, geistern nämlich durch viele seiner Romane seelisch traumatisierte Kinder – Kinder wie etwa die achtzehnjährige Liv im Roman „In hellen Nächten“ (dt. 2012). Liv leider unter der gefühlskalten Mutter – einer berühmten Landschaftsmalerin, die sich mit ihrer Tochter auf die einsame Insel Kvaløya zurückgezogen hat. Allein auf sich gestellt, entwickelt Liv sich zu einem Mädchen, das in fast neurotischer Weise ihrer Umwelt nachspioniert. Als erst zwei Brüder – ihre Klassenkameraden – ertrinken und dann ein zwielichtiger Sommergast sowie der alte schrullige Kyrre Opdahl, ihr einziger Vertrauter, sich scheinbar in Luft auflösen, ist Liv sich ihrer Sache sicher: Die Huldra, ein böser Geist in Gestalt einer verführerischen Frau, hat von der halbwüchsigen Maja, einem Nachbarsmädchen, Besitz ergriffen. Erst spät begreift man, dass der Roman – erzählt aus der Rückschau Livs – ein präzises, aber auch äußerst irisierendes Seelenbild seiner höchst unzuverlässigen Chronistin liefert.

Burnside – der selbst einmal als Vorbild für diesen Roman Henry James’ „Turn of the Screw“ genannt hat – bietet nämlich mehrere Lesarten des Geschehens an. Die Grenzen zwischen Realität und Einbildung, zwischen den sichtbaren Zeichen und der Bedeutung, die wir ihnen verleihen, verschwimmen auch für den Leser bis zum Schluss dieses Romans. Zur Meisterschaft gebracht hatte Burnside diese Form der bewussten Unschärfe – nicht umsonst spielt das Licht in all seinen Schattierungen eine immense Rolle – schon in dem Roman „Glister“ (dt. 2010). Der ist angesiedelt in einer kleinen Stadt an der schottischen Küste, wo eine ehemalige Chemiefabrik einst Arbeit und Auskommen, dann aber Tod und Leid gebracht hat. Die Menschen sterben an Krebs; das Fabrikgelände ist hoch vergiftet. Und dann verschwinden nach und nach auch noch Teenager – ohne dass die Menschen im Dorf sich fragen, warum. Die zwischen Kriminalroman und Umweltthriller, zwischen Endzeit-Roman und Horrorgeschichte angesiedelte Handlung zielt denn auch letztlich auf die Reflexion einer Todsünde hinaus: auf die Sünde der Unterlassung als eine besondere Form der menschlichen Grausamkeit.

Weil Burnside, so schrieb Felicitas von Lovenberg 2009 in der FAZ, ein Autor voller Sorge sei um die Seelen der Lebenden wie der Toten, die Umwelt und die Zukunft, zeige er auf die Wunden, deren Sinn wir zwar nicht verstehen, doch deren Schmerz wir fühlen. Er schaffe Figuren, die das Leiden auf sich nehmen, für uns Opfer bringen und um Vergebung suchen. Denn alles Erzählen, so Lovenberg, diene dazu, denen zu vergeben, die in den Geschichten vorkommen – auch Burnside selbst. Insofern sind seine Romane – von Bernhard Robben allesamt in ein so elegantes wie federnd leichtes Deutsch übertragen – im besten Sinne Geisterbeschwörungen und Teufelsaustreibungen zugleich: Sie verheißen, so Lovenberg, die Möglichkeit des Übergangs in einen anderen Zustand, der Verwandlung durch die Literatur.

Text: Claudia Kramatschek

Sep 16, 2014

50 out of 1000 (2/74): Carlos Fuentes, guest in 1988

Carlos Fuentes, Foto © Miquel Gener

Er kam auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in die Stadt, um am Schiller-Theater die Erstaufführung seines Stücks „Alle Katzen sind grau“ über die Entstehungsgeschichte Mexikos mit vorzubereiten: Carlos Fuentes, der große lateinamerikanische Schriftsteller, der sich immer auch als politischer Schreiber verstand und der vor allem mit seinen Romanen Weltberühmtheit erlangt hatte.

Über Berlin, das Carlos Fuentes bis dahin nicht kannte, äußerte er sich in einem Gespräch wie folgt: „Das ist eine Stadt, die mich sehr fasziniert. Ich war niemals zuvor hier, ich finde sie herrlich, sehr anregend, ich werde hier nie müde. Es ist wunderbar, ich arbeite von 7 Uhr früh bis Mitternacht und werde nicht müde, was ist also los? Es muß hier irgendetwas Besonderes geben, das ich noch nicht kenne. Ich bin hier zusammen mit meinem 14jährigen Sohn, der malt und dichtet und sich sehr für bestimmte Formen des Expressionismus interessiert. Und für ihn ist dieser Aufenthalt hier in Berlin etwas sehr Verwirrendes und für seine Bildung Wichtiges. Auf diese Weise entwickeln wir uns weiter, wir Fuentes, die wir aus Darmstadt stammen. Meine Familie väterlicherseits ist vor 125 Jahren von hier ausgewandert nach Mexiko. Und jetzt sind wir wieder zurückgekehrt, mein Sohn und ich, hier nach Berlin. Wir haben etwas von diesen Hennes, wie sie hießen, die ihre Identifikation suchen.“ (Der Tagesspiegel, 13.11.1988)

Am 29. Juni 2004 wurde Carlos Fuentes im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin die Würde eines Doktors der Philosophie ehrenhalber verliehen. Am 15. Mai 2012 verstarb Carlos Fuentes im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt. 

Sep 16, 2014

50 out of 1000 (2/73): Nam June Paik, guest in 1983

Nam June Paik, «Good Morning, Mr. Orwell», 1984
Good Morning Mr. Orwell | © Nam June Paik

In the 1980s and early ’90s several Fluxus inspired projects were initiated, which combined the various artistic disciplines of the DAAD Artists-in-Berlin Program. Thus in 1984 the theater, dance, music, literature and art festival Rosenfest was staged, featuring in-situ works by Daniel Buren, Lawrence Weiner and Jannis Kounellis, followed in 1987 by the sound-space-light installation The Music Rooms by Maryanne Amacher. In addition, the DAAD Artists-in-Berlin Program supported Nam June Paik in the complex organization of his famous TV satellite action “Good Morning Mr. Orwell”, for which he synchronized the programs of various international TV broadcasters with his live show on January 1, 1984. Until November 16, 2014 Nam June Paik Art Center presents a special exhibition ”Good Morning Mr. Orwell 2014”, in celebration of the 30th anniversary of Nam June Paik’s  satellite project.

Nam June Paikis regarded as the “Father of Video Art” and his monumental installations are to be seen in the major museums of the world. Nam June Paik, American of Korean descent, was born in Seoul in 1932, studied in Tokyo, and came to Germany in the 1950s to study composition and music history at Freiburg and Munich. Over the following decades, he became a star of the western art scene. In 1983, he was a guest of the DAAD’s Artists-in-Berlin programme. He also spent many years teaching at the Düsseldorf Art Academy.

As a musician, Paik worked with many renowned composers, such as Karlheinz Stockhausen - however, it was his encounter with John Cage that was to prove decisive. In the 1960s, he belonged, together with Cage, Beuys and Vostell, to the Fluxus Movement. Some of his actions included smashing up violins and pianos. He caused a sensation in New York when he had a robot cross the road and let it be run over by a car.

He was already working on his first installations built from television sets in the 1960s. His media art is always visionary, often ironic and even witty. He uses the methods of television to criticise television. His motto is: “Television has attacked us all life long – now we’re fighting back.” And that was also the intention of the electronic collage “Global Groove”, which he created in 1973 and which could be seen in the Deutsche Guggenheim Exhibition Hall in Berlin from April to July 2004. In this large-scale installation with “Video Walls” made of TV screens, the viewer is confronted by a visual flood of alienated TV images and video sequences. Step dancers accompanied by rock music, Pepsi commercials, drumming Navajo Indians, psychedelic eddies of colour, Richard Nixon’s grotesquely distorted face, material from current affairs programmes, game shows, soap operas.

After suffering a stroke in 1996, Nam June Paik was bound to a wheelchair; yet, his creativity remained unbroken – he turned his artistic ideas into reality with the help of assistants. Nam June Paik died on 29 January 2006, aged 73.

Sep 13, 2014

50 out of 1000 (2/71): Gao Xingjian, guest in 1985

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Gao Xingjian. Foto © Czline Yang

"Während meines Berlin-Aufenthalts konnte ich zum ersten Mal allein sein, ich habe mich wirklich amüsiert. In Berlin herrschte ein unglaublich internationales Flair."

Früh war der chinesischstämmige Schriftsteller und Dramatiker Gao Xingjian beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD zu Gast: 1985. Und seit jener Zeit ist er dem Programm verbunden geblieben. Wenige Monate, nachdem ihm 2000 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, kehrte Gao Xingjian im März 2001 zu einem Auftritt nach Berlin zurück, im Rahmen einer Veranstaltung zum 35-jährigen Bestehen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Im selben Jahr erschien in der Spurensicherungs-Reihe als Band Nr. 4 unter dem Titel „Was hat uns das Exil gebracht“ ein Gespräch zwischen Gao Xingjian und Yang Lian über chinesische Literatur. Im Herbst 2009 schließlich, als die Volksrepublik China sich als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte, sprachen Gao Xingjian und Yang Lian auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD unter dem Titel „Daheim im Dazwischen“ bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion auf dem Messegelände über Leben und Schreiben in zwei Kulturen und lasen abends in der ausverkauften Studiobühne im Mousonturm aus ihren Werken.

Der 1940 geborene Gao Xingjian lebt seit mehr als 20 Jahren in Paris und schreibt heute auf Französisch. Seit 1998 ist Gao Xingjian französischer Staatsbürger.

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Gao Xingjian, „Der Berg der Seele“, Fischer Verlag

Der Prosaautor und Dramatiker lässt sich in keine politischen oder literarischen Raster zwängen. Der Mensch kann seine geistige Unabhängigkeit nur bewahren, wenn er sich zum Zweifel bekennt, betonte er bei einer Rede auf der Buchmesse Frankfurt. 

In seinen Essays und Reflexionen, die die Gedichte begleiten und flankieren, entfaltet Yang Lian eine Poetik der Überzeitlichkeit und Überräumlichkeit. Als Dissident, der nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 China verließ, nimmt er immer wieder Stellung zur gegenwärtigen Lage in seiner Heimat. Dabei verknüpft er stets das Poetische und das Politische. Denn es ist das Gedicht, das uns eine Sprache erschließt, mit der wir lernen können, auch das Politische neu und anders zu denken, so der Schriftsteller. Der 2004 auf Deutsch erschienene Roman „Das Buch eines einsamen Menschen“ beschreibt das Leben im Exil. Es bedeute für ihn „ohne Selbstzensur und in Ruhe und Frieden zu schreiben“, und dennoch sagt er: „Ich trage die ganze chinesische Kultur in mir.“ 2008 erschien auf Deutsch „Die Angel meines Großvaters“.

Sep 13, 2014

50 out of 1000 (2/70): Ayşe Erkmen, guest in 1993

Ayşe Erkmen, „Das Haus“, daadgalerie 1993/94; Foto: Anno Dittmer

Durch oft minimale künstlerische Interventionen, zum Beispiel in eine existierende Architektur, einen bemerkenswerten Perspektivwechsel zu initiieren oder komplexe Zusammenhänge aufzurufen, ist eine für Ayşe Erkmens Werk kennzeichnende Methode.

Parallel zu der Ausstellung „Das Haus“ in der daadgalerie (1993/94) realisierte Erkmen eine „Am Haus“ (1994) betitelte Textarbeit aus Plexiglasbuchstaben an der Fassade der Oranienstr. 18 in Berlin-Kreuzberg, die dort heute noch zu sehen ist. Erkmen versah die Hausfront mit Verb-Endungen, die im Türkischen für eine spezifische Vergangenheitsform stehen. Sie zeigt an, dass über ein Ereignis aus der Perspektive eines Dritten, Abwesenden berichtet wird. Erkmen ruft damit eine lange Tradition des oralen, subjektiven Wissens auf. Gleichwohl werden nur türkischsprachige Passanten in der Lage sein, in den Buchstaben mehr als ein Ornament zu sehen.

Ayşe Erkmen, 1949 in Istanbul geboren und seit den 90er Jahren zwischen ihren zahlreichen internationalen Gastspielen wechselweise in der türkischen Metropole und in Berlin sesshaft, “zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation … Nicht nur die Liste ihrer Einzelausstellungen und Gruppenbeteiligungen in Museen, Kunstvereinen, bei bedeutenden Themenausstellungen und im öffentlichen Raum belegen den Rang der türkischen Künstlerin. Eine Retrospektive im Hamburger Bahnhof in Berlin vermittelte um die Jahreswende 2008/09 einen umfassenden Eindruck von der Breite und Tiefe, Gedankenschärfe und Sinnlichkeit des Werks” (Weltkunst). 

2011 vertrat Ayşe Erkmen die Türkei auf der 54. Biennale di Venezia

Sep 13, 2014

50 out of 1000 (2/69): Sandra Kogut, guest in 2011

Sandra Kogut, MUTUM, 2007

"The stay was a unique gift – incredibly inspiring and productive"

Sandra Kogut, born 1965 in Rio de Janerio, Brazil, currently lives in the USA. One of Latin America’s best known and most distinctive filmmakers, she has produced numerous award-winning films and videos since 1984. She began her career as a performance and installation artist. Her film productions position themselves at the interface between documentation and fiction. Among other venues, her works have been shown at the Museum of Modern Art and Guggenheim Museum in New York City. During a residency grant in France, she began working on “Parabolic People”—a video project marking her shift of focus from visual art to documentary films. At the grant’s conclusion, she stayed on in France—for an entire decade. She became internationally known through the video collage “Parabolic People” (completed in 1991), a work followed by the production of various documentary films. In 2007, she presented her feature film debut “Mutum,” which won several international awards. Beside her artistic work, Sandra Kogut teaches at leading schools around the world and works for various Brazilian and European broadcasting stations. The recipient of many international awards and grants, the filmmaker’s work has been supported by distinguished institutions such as the Cité Internationale des Arts, the Rockefeller & MacArthur Foundation, and the UNESCO. 

Sandra Kogut’s work combines the documentary with the fictional, the experimental with the essay-like, and the personal with the collective. Her films are lyrical, ironic, lightheartedly playful, but also immediate and very serious. They seem progressive without proceeding didactically.

Trailer MUTUM, 2007

For her 2007 feature film debut “Mutum,” Sandra Kogut moved into the bleak “sertão,” the dry savanna landscape in the Brazilian heartlands, and lived for several months with the local inhabitants there. While casting the non-professional actors, she came to realize that never in their lives had they seen a film before. The experience of the shared existence on the farm worked its way into Kogut’s screenplay, based on the novella “Campo Geral” by João Guimarães Rosa—a writer often compared to James Joyce. In Sandra Kogut’s film, ten-year-old Thiago grows up in a place known as “Mutum.” Together with his brother Felipe, he confronts head-on the adult world’s aggressive mix of betrayal, violence and deceptive stillness. The film debut was honored with 19 awards, including the “Best Film” award at the festivals in Rio de Janerio, Cancun, and Cape Town. Also, it was shown at the Festival de Cannes and at the Berlinale. 

Sandra Kogut’s grandparents fled the Holocaust and left Hungry to migrate to Brazil. The granddaughter’s attempt to obtain a passport from Hungary forms the central theme of the cinematic essay “A Hungarian Passport” (2001). With a disarming unpretentiousness, Sandra Kogut brings together Kafkaesque experiences with authorities, interviews with her relatives, and her own travel diary in order to address fundamental questions: What does nationality mean? What does a passport really stand for? What is it we do with our heritage? How do we construe our history and our own identity? Among other important prizes, the film received first prize at the Split Film Festival and the “Best Documentary Film” award in Budapest. For her film “Passengers of Orsay” (2002), Kogut asked visitors in the Musée d’Orsay: “May I make a portrait of you with your favorite painting?” Her film accompanies people to their chosen painting, but also to where the paintings took them in their minds. 

In “Adiu Monde or Pierre and Claire’s Story,” a sarcastic reflection on the search for “authenticity” in the Pyrenees, we listen to butchers, mechanics, farmers and hikers sharing their versions of the legend of the vanished young shepherd and the shepherdess who follows him into the forest. As poetic as it is comical, the film not only demonstrates the phenomenon of nostalgia; it also celebrates the tremendous zest for life discovered among the present-day inhabitants of the Pyrenees. The film won 11 prizes, among others two at the “Oberhausen Filmtagen” festival and the “Golden Dove” award in Leipzig. “Parabolic People” (1991) is a cinematic collage that evolved from an art project. For several years, in Rio de Janeiro, New York, Tokyo, Dakar, and other cities, Sandra Kogut has erected video-stands in which pedestrians can make thirty-second-long recordings of themselves. The result is a collage at the same time an ironic commentary on the limitations of media and cultural reality. 

In Berlin, Sandra Kogut wrote the screenplay for her new feature film: the story of a family and how they cope with the ever-present violence in Rio de Janeiro. Here, instead of showing spectacular brutality, the filmmaker is far more interested in capturing what happens after the traumatic event.

Sep 13, 2014

50 out of 1000 (2/68): Michael Pelzel, guest in 2014

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Michael Pelzel, aus sentiers tortueux (2007) 


Seinen Orgeldienst nimmt Michael Pelzel sehr ernst. Um am Sonntag pünktlich auf der Orgel zu sitzen, fährt er notfalls auch noch mitten in der Nacht zurück in die Schweiz. Aber jetzt wird die reformierte Kirchengemeinde in Stäfa am Zürichsee auf ihren Organisten wohl für einige Zeit verzichten müssen. Denn der Organist und Komponist Michael Pelzel ist für ein Jahr in Berlin, als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. 

Portrait Michael Pelzel, Regie: Uli Aumüller © Berliner Künstlerprogramm des DAAD 2014

Vom Solostück über Kammermusik bis zum Orchesterstück hat Pelzel das gesamte Spektrum von Instrumentalmusik abgedeckt. Besonderes Gewicht haben einige groß besetzte Ensemblewerke, die beim Festival Ultraschall im Januar 2015 in einem Porträtkonzert zu hören sein werden. Vokalmusik spielt bisher keine herausgehobene Rolle, aber das wird sich nicht zuletzt in seinem Berliner Jahr ändern. 

Michael Pelzel scheint einesteils ein ziemlich heimatverbundener Mensch zu sein. Geboren 1978 in Rapperswil, verbindet ihn mit dem Zürichsee und den alten, majestätischen Raddampfern eine innige Beziehung. Seit längerem lebt er in Stäfa, etwas oberhalb von Zürich. Andernteils hat er auch schon ein halbes Jahr in Afrika verbracht – und nun beginnt also Berlin. 

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Michael Pelzel, Foto © Heinz Hinder

Das Präludium zur Einladung durch das Berliner Künstlerprogramm des DAAD war der Busoni-Kompositionspreis der Akademie der Künste, den er 2011 erhielt. (Einer von zahlreichen Preisen, die Pelzel in den letzten Jahren abräumte.) In seiner Laudatio rühmte Enno Poppe damals die Fähigkeit, „Einflüsse in etwas Persönliches zu verwandeln“. Michael Pelzel, so Poppe, gehöre „zu den begeisterungsfähigsten Komponisten“, die er kenne. In der Tat, zu den hervorstechendsten Eigenschaften des Schweizer Komponisten gehört sein außerordentlicher Enthusiasmus. 

Deutlich wird solche innere Glut zum Beispiel, wenn der enorm belesene Komponist über seinen Lieblingsschriftsteller Hermann Burger erzählt. Da gerät er binnen kürzester Zeit ins Schwärmen, kann sich auch an Details begeistern, die andere gar nicht bemerken würden. Auch sein kompositorisches Interesse macht sich an solchen Details fest. Die bewusst gestaltete Großform ist auch ein Füllhorn von detailliert ausgearbeiteten Mikro-Organismen und Klängen. Alles in diesen Werken, um noch einmal Enno Poppe zu zitieren, sei durchgehört und durchgearbeitet. 

Und noch etwas hat Pelzel mit dem heute leider nur noch wenig gelesenen Schweizer Schriftsteller gemeinsam. Es ist der Sinn für das Exzentrische, für das Skurrile. Nicht als Gestaltungsmittel eines gezielt um Aufmerksamkeit bemühten Komponierens, sondern getragen von einer tiefen, ehrlich ehrlich empfundenen Sympathie für das Artifizielle, für das Künstliche, das er in ein Künstlerisches verwandelt. 

Wie sonst käme man auf die Idee, den „Prestidigitateur“ Diabelli, dem Hermann Burger eine wunderbar verschraubte Erzählung widmete, zum Helden eines Musiktheaters zu machen? Die Virtuosität der Zauberkünstler, die Akrobatik fordert ihn heraus, das Interesse am Versteckspiel, an der Illusion treibt ihn an. Und da befinden wir uns ja dann auf genuin musikalischem Gebiet.

In Berlin wird sich Pelzel also vornehmlich seinem Musiktheater-Projekt widmen. Und dabei zehren von einem frühen „Sündenfall“, wie er sagt, einem in jungen Jahren komponierten Musical, das ihm – wenngleich es ihn auf stilistische Abwege führte, die er nicht weiter verfolgte – Erfahrungen mit Musik für die Bühne verschaffte. Eine „Oper“ im traditionellen Sinn ist nicht zu erwarten. Vielmehr ein artistisches Zirzensium, eine hochvirtuose, arabeske, flamboyante, manieristische Etüde. Und ganz bestimmt wird er in seinem Berliner Jahr auch als Organist tätig werden. Mit eigenen und fremden Werken. 


Text: Rainer Pöllmann, 2014

Sep 12, 2014

50 out of 1000 (2/67): Osvaldo Budón, guest in 2014

Portrait Osvaldo Budón, director: Uli Aumüller © Berliner Künstlerprogramm des DAAD 2014

Osvaldo Budóns kompositorische Fantasie entwickelt sich aus einem »panamerikanischen Interesse«. Wie viele lateinamerikanische Komponisten seiner Generation hat es den 1965 in Argentinien geborenen Budón nach dem Studium nach Nordamerika verschlagen. Im kanadischen Montréal erkundete Budón intensiv die Möglichkeiten elektroakustischer Musik und suchte nach Verbindungen von elektronischer und instrumentaler Musik sowie nach der Verflechtung verschiedenster musikalischer Traditionslinien.

Budón wandert innerhalb seiner Kompositionen nicht nur leichtfüßig zwischen unterschiedlichen Genres der Musikgeschichte wie nordamerikanischer Avantgarde, lateinamerikanischer Klassik, Popmusik, Folk oder eigenen Stücken (so in der 8-kanaligen Komposition Hacia el azul/hacia el rojo (Richtung Blau/Richtung Rot) von 2010), sondern auch zwischen speziellen Klangfarben der Musiktradition.

Für das Festival mikromusik kreierte Osvaldo Budón einen Klangraum aus 55 mikrotonal gestimmten, live bespielten Gitarren, Foto © Kai Bienert

Sein heterogenes Schaffen erstreckt sich von Solostücken bis hin zu orchestralen Werken und sucht immer wieder die Integration elektronischer oder live-elektronischer Klangsynthese. Von Zeit zu Zeit rücken aber auch einzelne Instrumente wie die Gitarre, ein Symbol lateinamerikanischer Musik, in den kompositorischen Fokus, der dem Instrument schließlich ein differenziertes und überraschend neues Klangspektrum abringt – etwa in 10G (2010/11), einem Stück für 10 Gitarren, die nicht nur mikrotonal gestimmt sind, sondern teils auch ein spezielles Saiten-Setup fordern. Budón schafft damit eine schillernd schwebende Mikroton-Polyphonie, die traditionelle Klangfarben mit zeitgenössischen Kompositions- sowie Spieltechniken verknüpft.

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Osvaldo Budón, Foto © Kai Bienert

Durch die Erfahrungen in Nordamerika schafft Budón schließlich eine Instrumentalmusik, die durch seine Arbeit mit elektroakustischer Musik geprägt ist. Es geht ihm dabei aber nicht allein um die Übertragung digitaler Klangsynthese auf instrumentales Komponieren, sondern vielmehr um den Versuch, ein interaktives Geflecht zu entwerfen. So entstehen Werke, in denen zum Beispiel digitale Prozesse und Instrumentengruppen die klanglichen Outputs des jeweils anderen in Echtzeit gestalten (Alrededor De Una Música Ausente (Um eine abwesende Musik herum) von 2002/03, für 3 Instrumentengruppen und 3 digitale Signalverarbeitungsstationen). 
Mit der Rückkehr nach Lateinamerika hat Budón (heute in Montevideo, Uruguay, ansässig) nicht nur einmal mehr die Grenzen des amerikanischen Kontinents überschritten, sondern auch die der Kunstgattungen. Mit Curiyú/Carillón (2011-2012) schuf er, in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Micaela Perera Diaz, eine große Klangskulptur, die zugleich auch Akteur in einem variablen Ensemblestück (Unísonos imposibles (Unmögliche Unisoni) von 2012) wurde. Das Verschleiern kulturell verorteter Klangphänomene und die Suche nach Kunstgattungen überschreitenden Formaten werden auch die Arbeiten Budóns hier in Berlin prägen. Man darf gespannt sein auf einen raumgreifenden Klangkörper, der sich zwischen Klanginstallation und Konzert entspinnt, und als »verräumlichtes Orchester umgestalteter Gitarren« ein schwebendes Klangfeld erzeugt, innerhalb dessen sich Instrumentalisten und Hörer bewegen.

Text: Fabian Czolbe, 2014